Herr Dr. Waiguny, Ihr beruflicher Weg führt von Klagenfurt über Neuseeland, die USA und viele weitere internationale Stationen zurück in Ihre Heimat. Mit welcher Perspektive blicken Sie heute auf den Bildungsstandort Kärnten?
Dr. Martin Waiguny: Ich denke, wir stellen uns manchmal unter den Scheffel. Dabei sind die Leute in Kärnten unglaublich innovativ und vor allem sehr zugänglich. Das ist ein Asset, das wir im internationalen Vergleich noch stärker hervorheben könnten. In den vergangenen 20 bis 30 Jahren hat sich das Bildungsangebot an allen vier Hochschulen enorm entwickelt. Wir sind heute sowohl in spannenden Nischen stark aufgestellt als auch breit genug, um international gut mitzuhalten.
Praxisorientierung ist ein Markenzeichen der FH Kärnten. Wie gelingt es, Studieninhalte mit den Bedarfen regionaler Unternehmen und globaler Trends zu verknüpfen?
Dr. Martin Waiguny: Hier muss ich ein großes Danke an unsere Lehrenden und Professor:innen richten. Wir haben eine außergewöhnlich starke Einbindung regionaler, nationaler und internationaler Unternehmen in die Lehre – von Gastvorträgen bis hin zu umfangreichen Projektarbeiten, die von Studierenden umgesetzt werden. Dadurch sind wir nicht nur eng mit der Wirtschaft vernetzt, sondern leisten auch einen wichtigen Beitrag zur zukünftigen Wertschöpfung in der Region.
Die FH Kärnten ist seit Jahren stark international ausgerichtet. Welche Strategien verfolgen Sie, um internationale Studierende zu gewinnen und langfristig an den Standort zu binden?
Dr. Martin Waiguny: Hier ist sicherlich ein Bündel an Maßnahmen notwendig. Dazu zählt etwa der weitere Ausbau englischsprachiger Lehrangebote – Englisch ist die Lingua Franca in der Wissenschaft. Gleichzeitig müssen wir ganzheitlich planen und auch Themen wie studentisches Wohnen und Leben mitdenken. Hier stehen wir konsequent im Austausch mit lokalen Entscheidungsträgern und Anbietern. Internationale Beispiele zeigen: Wenn Studierende sich am Studienort wohlfühlen, bleiben diese oftmals. Dann entsteht aus einem potenziellen Brain-Drain ein echter Brain-Gain.
Was schätzen internationale Studierende besonders an Kärnten?
Dr. Martin Waiguny: Kärnten punktet bei Studierenden ganz klar mit seiner vielfältigen Natur und den zahlreichen Outdoor-Aktivitäten. Zudem ist die Nähe zu Italien und Slowenien ein Vorteil. In Zukunft rückt auch die Steiermark noch näher an den Alpen-Adria Raum, wodurch wir eine neue Metropolregion bilden können, was die Attraktivität für Studierende weiter steigert.
Auch als aktiver Partner in der Standortkommunikation trägt die FH in gemeinsamen Kampagnen dazu bei, Kärnten als innovativen Bildungsstandort zu positionieren. Was ist Ihnen dabei besonders wichtig?
Dr. Martin Waiguny: Besonders wichtig ist mir, die außergewöhnliche Vielfalt der Kärntner Wirtschaft sichtbar zu machen. Diese Bandbreite findet man sonst oft nur in großen Städten. Von Präzisionstechnik über produzierende Industrie bis hin zu unterschiedlichsten Dienstleistungen – und das mit internationalen Playern – ist hier alles vertreten. Für Studierende, die ihre berufliche Ausrichtung noch entwickeln, ist das ein enormer Vorteil.
In welchen Fachbereichen sieht die FH Kärnten aktuell besonders hohe Nachfrage – sowohl bei den Studierenden als auch aus Sicht der Wirtschaft?
Dr. Martin Waiguny: Alle unsere vier Fakultäten sind aktuell sehr gut ausgelastet. Mit rund 3.000 Studierenden haben wir einen neuen Höchststand erreicht. Das zeigt, dass sowohl unsere etablierten als auch die neuen Studiengänge, die wir stets unter Einbindung der Wirtschaft entwickeln, hochaktuell sind. Besonders freut uns die starke Nachfrage in den technischen Studiengängen, wo auch der Bedarf aus regionaler, nationaler und internationaler Wirtschaft konstant hoch ist.
Welche aktuellen Projekte oder Initiativen zeigen beispielhaft, wie Hochschule und Region voneinander profitieren?
Dr. Martin Waiguny: Ein aktuelles Beispiel ist die neue duale Ausrichtung unseres Hotelmanagement-Studiengangs. Studierende lernen dabei an sogenannten dritten Lernorten, also direkt in Hotel- und Gastronomiebetrieben, und sind dort auch angestellt. Anders als bei klassischen Praktika erfolgt hier eine klare thematische Fokussierung. Gerade für Kärnten als Tourismusland ist das ein sehr attraktives Modell. Darüber hinaus reichen unsere Initiativen von Altersforschung im IARA-Forschungszentrum über Biodiversitätsprojekte bis hin zu neuen Arbeitswelten und innovativen Baumaterialien. Alle aufzuzählen würde hier den Rahmen sprengen. Wir zählen zu den forschungsaktivsten Fachhochschulen Österreichs, mit unmittelbarem Mehrwert für Kärnten.
Was kann Kärnten als Hochschulstandort aus Ihrer Sicht besonders gut, auch im internationalen Vergleich?
Dr. Martin Waiguny: Durch die moderate Größe der vier Hochschulen hat Kärnten eine ganz persönliche Note, die für Studierende sehr attraktiv ist. Auch die kurzen Wege innerhalb aber auch außerhalb der Hochschulen sind sicherlich ein Pluspunkt. Und als historischer Schnittpunkt unterschiedlicher Kulturen ist Kärnten sehr anpassungsfähig und international offen.
Wenn Sie auf die nächsten Jahre blicken: Welche Entwicklung wünschen Sie sich für die FH Kärnten und den Bildungsstandort Kärnten?
Dr. Martin Waiguny: Wenn wir in ein paar Jahren zurückblicken, wünsche ich mir, dass alle vier Hochschulen jeweils in klar definierten Bereichen oder Nischen echtes Thought Leadership entwickelt haben, also international als erste Anlaufstelle für bestimmte Themen wahrgenommen werden. Für die FH Kärnten wünsche ich mir, eine Hochschule der Möglichkeiten und der bewussten Wahl zu sein: ein Ort, den Studierende sowie Lehr- und Forschungspersonal gezielt auswählen, weil sie hier hervorragende Perspektiven für Ausbildung, Forschung und Arbeit sehen. Daran werden wir konsequent arbeiten und unsere Stärken weiter ausbauen.