Carinthia.com: Die Universität Klagenfurt ist die größte akademische Bildungsinstitution in Kärnten und Drehscheibe für Wissenserwerb, Wissensaustausch und Wissenstransfer in der gesamten Alpen-Adria-Region. Was macht für Sie Studium, Forschung und Lehre in Klagenfurt aus?
Prof. Dr. Ada Pellert: Ich finde das Fächerspektrum genial – von Technik bis Kulturwissenschaft. Es gibt eine interessante Breite, die mir sehr zusagt. Interdisziplinarität ist mir wichtig, und dafür braucht es eine Grunddiversität der Disziplinen. Das finde ich hier vor. Gleichzeitig ist die Universität, wie sie selbst sagt und ich bestätigen kann, eine „Universität der kurzen Wege“. In der Lehre begegnet man als Student:in direkt Professor:innen, was heute keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Es herrscht eine besondere Intensität im Studium, anders als bei großen Massenfächern. Auch die Nähe der Fächer zueinander ist für die Forschung sehr inspirierend. Das ist ein großes Potenzial, mit dem die Universität schon arbeitet – und das ich weiterentwickeln möchte.
Wie könnte diese Entwicklung konkret aussehen?
Prof. Dr. Ada Pellert: Wir starten jetzt beispielsweise ein Kombinationsstudium, mit dem wir ungewöhnliche Studienkombinationen systematischer fördern wollen: etwa ein Sprachstudium mit Entrepreneurship oder Informatik mit Wissenschaftskommunikation. Ich bin überzeugt, dass genau solche Kombinationen in der heutigen Arbeitswelt gebraucht werden. Studierende sollen sich fragen können: Was passt zu mir? Was interessiert mich? Wie kann ich mein Profil schärfen? Wir wollen sie unterstützen, ihren Leidenschaften zu folgen und gleichzeitig den Blick für den Arbeitsmarkt nicht zu verlieren. Hochschulabsolvent:innen sind auch Agent:innen des Wandels, und dazu wollen wir sie ermutigen. Deshalb verankern wir Entrepreneurship und soziale Innovation als Mindset.
Wie würden Sie Kärntens Hochschullandschaft im nationalen und internationalen Vergleich einordnen? Wo stehen Sie da und wo wollen Sie hin?
Prof. Dr. Ada Pellert: Ich bin auch nach Kärnten gekommen, weil ich es als spannende europäische Region sehe. Entwicklungen wie der Koralmtunnel verstärken das. Die Lage an der Grenze zu Italien und Slowenien sowie die Nähe zur Steiermark sind ein riesiger Pluspunkt. Meine Vision ist, dieses Potenzial über grenzüberschreitende Vernetzung noch besser zu nutzen. Studierende sollen erleben, wo sie studieren – mit allen Vorzügen und Besonderheiten der Region –, und dabei den Alpen-Adria-Wirtschaftsraum mitdenken, angefangen bei Venedig, Triest, Udine, Ljubljana, Maribor bis hin zu Kroatien.
Welche Studienfächer liegen in Kärnten gerade im Trend – und deckt sich das auch mit dem Bedarf der hiesigen Unternehmen?
Prof. Dr. Ada Pellert: Robotics und Künstliche Intelligenz erfreuen sich großer Beliebtheit, auch international. Hier gibt es fruchtbaren Boden: mit außeruniversitärer Forschung wie Joanneum Research, interessanten Praktikumsmöglichkeiten und guten Berufschancen. Auch der Medien- und Kommunikationsbereich boomt. Neue Studienprogramme wie Digital Media Communication laufen sehr gut an. Die Klassiker wie Rechtswissenschaft, Betriebswirtschaft, Kulturwissenschaft und Lehramt bleiben wichtige Grundpfeiler. Kombinationsstudien erlauben zum Beispiel die Verbindung von Rechtswissenschaft mit Philosophie. So entstehen spannende Profile für den Arbeitsmarkt.
In Ihren Publikationen befassen Sie sich immer wieder mit Digitalisierung und New Learning-Formaten. Bis 2021 waren Sie Mitglied im Digitalrat der deutschen Bundesregierung. Welche Rolle spielen Schlüsseltechnologien wie Digitalisierung für Kärnten?
Prof. Dr. Ada Pellert: Eine sehr große. Unsere Universität liegt direkt neben dem Lakeside Park – einem lebendigen Technologiepark rund um IT. Das ist eine klassische Win-Win-Situation: Unternehmen entwickeln spannende Projekte, Studierende bringen sich ein, können sich ausprobieren. Start-ups entstehen, das bekannteste war bislang Bitmovin. Ich denke, da kann man gut aufsetzen und weitermachen. Wenn wir etwa eine Professur für Virtual und Augmented Reality berufen, dann entsteht daraus wieder Vernetzung: mit der Lehre, mit dem Produktions- und Dienstleistungsbereich, mit Gesundheitsthemen. Digitalisierung ist Forschungsfeld und zugleich Tool zur Weiterentwicklung der Universität.
Gibt es zurzeit Projekte an der Universität, die Sie besonders vielversprechend finden?
Prof. Dr. Ada Pellert: Wir arbeiten gerade mit Hochdruck an der Einreichung eines COMET-Zentrums – einer Kooperation zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Thema ist die Resilienz von Organisationen durch dezentrale, autonome, dynamische, lose gekoppelte IT-Systeme. Das klingt abstrakt, hat aber Relevanz für Energieunternehmen genauso wie für Logistik oder Organisationen im Gesundheitsbereich. Da geht es um Technik ebenso wie um Organisation und letztlich auch Change Management. Ein solches Zentrum wäre eine Plattform für starke Kooperationen. Deswegen finde ich es enorm wichtig, dass wir hier gemeinsam an einem Strang ziehen.
In welchen Bereichen arbeiten Kärntens Hochschulen Hand in Hand? Und inwiefern kommt das der gesamten Region zugute?
Prof. Dr. Ada Pellert: Unser Motto „Der intelligenten Kooperation gehört die Zukunft“ leben wir auch in der Hochschulkonferenz mit der FH, PH und Gustav Mahler Privatuniversität. Ein Beispiel ist Digital Health, ein Herzensprojekt von mir. Dort ist die FH stark mit medizinischen Studiengängen und Forschung im Bereich Medizin und Technik. Bei genauerer Betrachtung haben wir dann aber auch An-Ansatzpunkte gefunden, wie sich die PH und Gustav Mahler einbringen können, das finde ich wunderbar. Weitere Themen sind Entrepreneurship und soziale Innovation, auch in der Kultur- und Technikvermittlung.
Wo und wie präsentieren Sie sich international als Bildungsstandort?
Prof. Dr. Ada Pellert: Auch das ist ein Thema, wo man sich gut zusammenschließen kann und eine gemeinsame Strategie braucht – mit den anderen Hochschulen und dem Land. Vielen ist gar nicht bewusst, dass 60 % der Wertschöpfung in Kärnten aus der Industrie kommt, nicht aus dem Tourismus, was viele als stärksten Wirtschaftsfaktor vermuten würden. Da besteht noch viel Potenzial. Kärnten ist ein Raum voller Möglichkeiten zum Studieren und Forschen, in einer tollen Umgebung am Schnittpunkt dreier Kulturen. Das möchten wir verstärkt gemeinsam kommunizieren. Die Schönheit des Standorts ist ein USP, dazu sollten wir uns auch unbedingt offensiv bekennen.