Carinthia.com: Frau Dr. Eggeling, was zeichnet Kärnten aus Ihrer Perspektive im Vergleich zu anderen europäischen Forschungs- und Technologiestandorten aus?
Dr. Eva Eggeling: Als Fraunhofer-KI4LIFE 2019 gegründet wurde, wurden wir von Beginn an mit offenen Armen empfangen – mit der spürbaren Überzeugung, dass eine internationale Forschungseinrichtung der gesamten Region zugutekommt. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Statt den Wettbewerb zu fürchten, haben wir in Kärnten eine starke Kooperationskultur erlebt.
Besonders bemerkenswert ist die Nähe zwischen den relevanten Akteuren: Unternehmen, Wirtschaftskammer, Landesregierung und Forschungseinrichtungen sind gut vernetzt und arbeiten eng zusammen. Diese kurzen Wege zwischen Unternehmen, Politik und Forschung machen in Kärnten vieles einfacher. Unternehmen finden hier schnell Ansprechpartner und Fördermöglichkeiten. Innovationen entstehen nicht in Isolation – Kärnten bietet ein Ökosystem, in dem Ideen reifen und gezielt umgesetzt werden können.
Welche spezifischen Stärken sehen Sie in der Forschungslandschaft und der Zusammenarbeit mit Unternehmen hier in Kärnten?
Dr. Eva Eggeling: Kärnten ist stark in der IT – aus meinem Fenster schaue ich gerade auf den Lakeside Science & Technology Park –, aber aus meiner Sicht ist die Forschungslandschaft deutlich breiter aufgestellt. Es gibt eine enge Verzahnung zwischen angewandter Forschung und Unternehmen, die gezielt auf Innovation setzen. Besonders auffällig ist die Praxisnähe: Während manche Forschungsstandorte einen akademisch-theoretischen Schwerpunkt haben, geht es hier oft direkt um die Umsetzung in wirtschaftlich nutzbare Technologien.
Ein weiterer Vorteil ist die internationale Anbindung. Die geografische Nähe zu Slowenien und Italien bringt eine gewisse Internationalität mit sich, die sowohl bei der Forschungskooperation als auch beim Zugang zu Märkten eine Rolle spielt. Für Unternehmen bedeutet das: Wer sich hier ansiedelt, ist nicht nur lokal vernetzt, sondern hat auch eine Brücke in den gesamten Alpen-Adria-Raum.
Die Forschung zu künstlicher Intelligenz ist ein globaler Wettlauf. Wie schafft es Kärnten, sich in diesem hochdynamischen Umfeld zu positionieren und von anderen Innovationsstandorten abzuheben?
Dr. Eva Eggeling: Die Entscheidung, ein Fraunhofer-KI-Zentrum nach Kärnten zu holen, war ein kluger und vorausschauender Schritt. Bereits vor dem ChatGPT-Hype wurde erkannt, dass künstliche Intelligenz eine Schlüsseltechnologie der Zukunft ist – und dass es wichtig ist, sich in diesem Bereich frühzeitig zu positionieren. Man kann also durchaus sagen: Da haben wir und da hat die Region einen guten Riecher gehabt – und die richtigen Player haben zur richtigen Zeit mit einer ähnlichen Vision sowie dem nötigen Mut und Pioniergeist zusammengearbeitet.
Der Ansatz ist dabei klar: Kärnten konkurriert nicht mit Tech-Giganten wie Google, sondern setzt auf spezialisierte KI-Anwendungen, die einen direkten Nutzen für Unternehmen bringen. KI4LIFE konzentriert sich auf Anwendungsbereiche wie Sprachmodelle, Computer Vision und datengetriebene Innovationen. Die enge Verzahnung mit der Wirtschaft bedeutet, dass hier keine abstrakten Konzepte erforscht werden, sondern konkrete Lösungen, die Unternehmen sofort einsetzen können.
Neben der technologischen Infrastruktur – welche Faktoren wie Bildung, Fachkräfte oder Lebensqualität sind aus Ihrer Sicht besonders wichtig für Unternehmen, die sich hier niederlassen möchten?
Dr. Eva Eggeling: Technologische Infrastruktur ist entscheidend – aber sie allein reicht heute nicht. Einmal angenommen, zwei Standorte sind mit Blick auf Arbeitnehmerfreundlichkeit, Bildung, Politik etc. identisch, aber nur einer davon hat Berge und Seen vor der Haustür. Für welchen Standort würde man sich da wohl entscheiden? Für viele Fachkräfte ist dieser Punkt Work-Life-Balance heute wichtiger denn je. Und hier hat Kärnten mit seinen Seen, Bergen und Freizeitangeboten einen klaren Vorteil: eine hohe Lebensqualität mit direktem Zugang zur Natur.
Welche Vorteile haben Unternehmen, die sich für Kooperationen mit KI-Forschungszentren wie KI4LIFE entscheiden?
Dr. Eva Eggeling: Der direkte Zugang zu Forschungsexpertise bedeutet, dass Unternehmen nicht erst lange Entwicklungszyklen durchlaufen müssen, sondern schnell praxistaugliche Lösungen erhalten. Wenn man mit uns zusammenarbeitet, bekommt man etwas Neues, etwas Innovatives, etwas Angepasstes, und hat dadurch einen Wettbewerbsvorteil. Man könnte auch sagen: Wir wollen es schneller, besser oder einfach mal anders machen als der Rest. Betonen möchte ich allerdings, dass wir als angewandte Forschungseinrichtung nicht in unmittelbarer Konkurrenz zum Softwareentwickler um die Ecke stehen. Vielmehr geht es uns darum, Wissen voranzubringen, neue Denkansätze und Lösungen in die Unternehmen zu tragen, gemeinsam von der Idee den Weg zum reellen Produkt zu gehen. Das ist uns bei Fraunhofer besonders wichtig.
Können Sie Beispiele nennen, wie Unternehmen in der Region von diesem Ansatz profitieren?
Dr. Eva Eggeling: Ein gutes Beispiel ist unsere Zusammenarbeit mit dem Klagenfurter Dachdecker FP-Dach. Für ihn haben wir eine KI entwickelt, die Feuchtigkeit in Dächern über Monate hinweg prognostizieren kann – eine Innovation, die präventive Wartungsmaßnahmen ermöglicht.
Auch für KMUs bieten wir praxisnahe Lösungen: Für Leeb Balkone haben wir einen KI-gestützten Chatbot entwickelt, der Kundenanfragen automatisiert beantwortet und so den Vertrieb entlastet. Ein weiteres Beispiel ist unsere Kooperation mit Great Big Value, wo wir Telefonbefragungen mittels KI analysieren, um qualitative Einblicke zu gewinnen.
Neben Großunternehmen wie Infineon arbeiten wir gezielt mit regionalen KMUs zusammen. Dank unseres „Digitalisierungsschecks“, einer 100-Prozent-Förderung der Wirtschaftskammer, können kleine Unternehmen zehn Tage lang kostenlos mit unseren Forschenden an Digitalisierungs- oder KI-Projekten arbeiten. Ein einzigartiges Angebot, das Innovation in Kärnten gezielt fördert.
KI und Digitalisierung haben enormes Potenzial. Welche Herausforderungen und Chancen sehen Sie für die Wirtschaft in Kärnten in den nächsten fünf bis zehn Jahren?
Dr. Eva Eggeling: KI ist für mich die neue Alphabetisierung, insofern führt kein Weg an ihr vorbei. Unternehmen müssen ein Grundverständnis entwickeln, denn KI begegnet uns zunehmend im Alltag: von Navigation und Gesichtserkennung bis hin zu automatisierten Geschäftsprozessen.
Die Herausforderung liegt in der Balance zwischen Offenheit für Innovation und dem bewussten Umgang mit Risiken. Kärnten muss sowohl Vorreiter als auch Nachzügler in der Digitalisierung gezielt unterstützen, um als Wirtschaftsstandort langfristig erfolgreich zu bleiben. Digitalisierung kann man nicht aussitzen, Digitalisierung bleibt – und ist eine Chance und keine Bedrohung.