Carinthia.com: Herr Trink, wenn es um Start-up-Standorte geht, denken viele zuerst an Berlin, London oder Barcelona. Warum lohnt es sich, auch Kärnten im Blick zu haben?
Martin Trink: Ich komme selbst nicht ursprünglich aus dem Kärntner Ökosystem und habe Erfahrungen in verschiedenen Regionen gesammelt, von Wien bis Berlin. Deshalb glaube ich, dass ich das ganz gut einordnen kann. Die Leistungen in Kärnten sind wirklich sehr stark und definitiv wettbewerbsfähig mit anderen Bundesländern, teilweise sogar darüber hinaus.
Was Kärnten besonders macht: Ich habe hier einen viel direkteren Zugang zu allem. Statt Wettbewerb gibt es sehr individuelle Unterstützung. Das ist möglich, weil wir ein kleiner Standort sind und sehr gut vernetzt arbeiten. In großen Hubs konkurrieren oft unzählige Start-ups gleichzeitig um Aufmerksamkeit. In Kärnten ist das anders. Wir schaffen direkte Zugänge zur Industrie, zu Forschungsinfrastruktur und zu Entscheidungsträgern. Das kann ein kurzer Draht zu Infineon sein oder innerhalb des Lake Side Science & Technology Parks. Diese Wege sind sehr direkt.
Dazu kommt, dass Kapital, Förderungen und Infrastruktur hier gut zusammenspielen. Wenn jemand in ein Programm aufgenommen wird und seine nächsten Schritte gut umsetzt, dann gibt es oft auch die passende Unterstützung für die nächste Phase. Diese Integration ist aus meiner Sicht eine große Stärke. Und natürlich spielt auch die Lebensqualität eine Rolle. Kärnten ist ein sehr schöner Standort mit deutlich geringeren Kosten als viele große Start-up-Hubs. Kärnten ist kein Ersatz für die großen Hubs. Aber wir sind ein Ort, an dem man effizient ein Start-up aufbauen kann, mit sehr direktem Zugang zu den richtigen Ressourcen.
Für welche Start-ups ist Kärnten besonders interessant?
Trink: Das hängt stark davon ab, was ein Unternehmen konkret braucht. In Berlin oder London habe ich natürlich einen riesigen Talentpool. Auf der anderen Seite gibt es dort oft eine hohe Fluktuation. Es gibt also überall Vor- und Nachteile. Gründerinnen und Gründer müssen sich überlegen: Was sind die entscheidenden Hebel für mein Wachstum?
Kärnten ist besonders stark, wenn es darum geht, von der anwendungsorientierten Forschung über die Prototypenentwicklung bis hin zur Serienentwicklung zu kommen. Genau in diesem Übergang von Idee zu Praxis sind wir gut. Wenn jemand möglichst billig produzieren möchte, dann ist Kärnten wahrscheinlich nicht der richtige Ort für die gesamte Wertschöpfungskette. Aber für Entwicklung, Forschung und erste Umsetzungsschritte kann der Standort sehr attraktiv sein. Gerade in frühen Phasen ist Kärnten sehr stark, weil vieles einfacher und direkter funktioniert.
Wie ist das Start-up-Ökosystem in Kärnten aufgebaut und welche Rolle spielt build!?
Trink: In Kärnten gibt es ein sehr gutes Portfolio an Unterstützungsleistungen. Es gibt Förderungen, Events, Coaching, Einzelberatungen und spannende Infrastruktur wie den Makerspace, Silicon Austria Labs oder Forschungsinfrastruktur an der Universität Klagenfurt und der FH Kärnten.
build! hat dabei zwei Aufgaben. Einerseits begleiten wir Start-ups von der Ideenphase bis über die Gründung hinaus in die erste Wachstumsphase. Dafür haben wir unterschiedliche Programme und bieten langfristige Betreuung an. Andererseits sind wir eine Plattform im Ökosystem. Wir vernetzen Start-ups mit den richtigen Institutionen und öffnen Türen. Wir wissen sehr genau, welche Angebote es gibt und welche Unterstützung zu welchem Projekt passt.
Genau daraus entsteht diese Rolle als Drehscheibe im Kärntner Ökosystem. build! allein könnte dieses breite Leistungsportfolio gar nicht abdecken. Aber gemeinsam funktioniert das sehr gut.
Welche Förderungen und Unterstützungsangebote finden Start-ups in Kärnten?
Trink: Was Gründerinnen und Gründer brauchen, sind finanzielle Mittel, Werkzeuge zum Entwickeln und Know-how. In Kärnten gibt es Förderungen von bis zu 200.000 Euro und Finanzierungsmöglichkeiten von bis zu rund 500.000 Euro. Dazu kommt der Zugang zu Infrastruktur, etwa über die Universität Klagenfurt, die FH Kärnten oder Makerspaces. Und dann natürlich die Betreuung und Vernetzung durch build!. Ich glaube, unsere Stärke liegt besonders in der Frühphase. Schon in der Ideenphase bekommen Start-ups hier ein sehr breites Unterstützungsangebot.
Dazu kommen konkrete Technologiefelder, in denen Kärnten stark ist. Mikroelektronik, Sensorik, autonome Systeme, Robotics oder Drohnentechnologien sind Beispiele dafür. Mit Unternehmen und Forschungseinrichtungen wie Infineon, Silicon Austria Labs oder dem Drone Hub entstehen sehr konkrete Möglichkeiten, Technologien in die Praxis zu bringen. Genau dabei unterstützen wir.
Was hören Sie von Gründerinnen und Gründern selbst? Warum entscheiden sie sich für Kärnten?
Trink: Das häufigste Feedback ist die individuelle Betreuung. Man ist hier nicht einfach nur eine Nummer. Das ist aber nicht nur angenehm, sondern ein echter Erfolgsfaktor. Denn Gründerinnen und Gründer bekommen so schneller Zugang zu den richtigen Personen, zur Industrie oder zur Forschung.
Wir unterstützen auch operativ bei Förderungen und helfen dabei, diese sinnvoll in die Gesamtstrategie einzubauen. Dadurch kommen Start-ups schneller in die Umsetzung und oft auch schneller zu ersten Umsätzen. Dazu kommen geringere Kosten und gleichzeitig eine sehr hohe Qualität bei Infrastruktur und Forschungseinrichtungen.
Welche Start-ups aus Kärnten zeigen besonders gut, welches Potenzial hier entsteht?
Trink: Das bekannteste Beispiel ist sicher Bitmovin. Das ist ein internationaler Erfolgscase. Sehr spannend finde ich auch LoconIQ im Bereich Industrieanwendungen. Und aktuell sieht man viel Aufmerksamkeit rund um NoxAvis. Das Unternehmen entwickelt KI-gestützte Dokumentationssoftware für Notarzteinsätze und ist erst vor rund einem Jahr gegründet worden. Gerade diese Bandbreite zeigt das Potenzial: Kärnten hat vielleicht nicht die riesige Masse an Start-ups, aber dafür wirklich spannende internationale Cases.
Welche Rolle können Start-ups künftig für die wirtschaftliche Entwicklung Kärntens spielen?
Trink: Eine sehr große. Ich glaube, vielen Menschen ist gar nicht bewusst, wie wichtig Start-ups für einen Wirtschaftsstandort sind. Wenn wir uns anschauen, womit wir täglich arbeiten: Microsoft Teams war einmal ein Start-up. Apple war ein Start-up. Netflix, YouTube oder TikTok ebenfalls.
Start-ups schaffen überdurchschnittlich viele Wissensarbeitsplätze und tragen stark zur Wertschöpfung bei. Gleichzeitig bringen sie neue Technologien und neue Denkweisen an einen Standort. Das verändert Wirtschaftsräume langfristig in Richtung Innovation. Deshalb bin ich überzeugt: Ohne Start-ups gibt es keinen erfolgreichen und zukunftsfähigen Wirtschaftsstandort.
Was begeistert Sie persönlich daran, mit Gründerinnen und Gründern zu arbeiten?
Trink: Ich war selbst Start-up-Gründer und habe alle Höhen und Tiefen erlebt. Andere dabei zu unterstützen, ist für mich die größte Motivation. Außerdem ist die Arbeit unglaublich abwechslungsreich. Man bekommt sehr früh Einblicke in neue Technologien, Märkte und Entwicklungen, oft lange bevor sie in der Breite sichtbar werden. Und natürlich ist es besonders schön, wenn man sieht, dass ein Projekt funktioniert und wächst. Genau das macht die Arbeit so lohnend.